
(enthält Werbung) Wow gerade habe ich den Debütroman “Hofsommer” von Hanna Heim zu Ende gelesen. Zuerst dachte ich an einen leichten Dorfroman, wurde aber schnell eines besseren belehrt. Warum sich dieser Roman dennoch sehr lohnt gelesen zu werden, erzähle ich dir heute:
Darum geht`s tatsächlich in “Hofsommer”
“Wer Leben will, muss auch die Konsequenzen tragen. In der Familie Mantel ist dieser Spruch sehr bekannt. Schon seit Enkelin Doreen denken kann, ist Fallera für sie ein Sehnsuchtsort. Auf dem Pferdehof im Osten der Republik ist sie aufgewachsen, bei ihrer Mutter und den Großeltern, die den Hof in der DDR aufgebaut haben. Ausgerechnet als Doreen sich in München ein eigenes Zuhause aufbauen will, fassen ihre Großeltern einen Entschluss: Sie möchten sterben, freiwillig und gemeinsam, bevor die letzte Meile anbricht. Als Doreen davon erfährt, packt sie ihre Sachen und lässt das Großstadtleben hinter sich, fest entschlossen, das Vorhaben ihrer Großeltern zu verhindern und ihnen das Leben wieder schmackhaft zu machen. Doch Maria und Helmut sind genauso dickköpfig wie ihre Enkelin – und Doreen wird langsam klar, dass nach Hause kommen auch bedeuten kann, Abschied zu nehmen.” (Quelle)
So beschriebt die Autorin Hanna Heim ihren ersten autobiografischen Roman selbst im Klappentext. Eigentlich ist Hanna Heim Wirtschaftsjournalistin, arbeitet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und hatte ihr Leben lang eine intensive Beziehung zu ihren Großeltern. In ihrem gerade im Heyne Verlag erschienen Buch “Hofsommer” beschreibt sie in Romanform das Leben eines Großelternpaars aus ihrer Sicht, der Sicht der Enkelin, die im Buch Doreen heißt – und ganz offenbar große Ähnlichkeit hat mit der Autorin und ihrer Geschichte. Hier findest du einen kleinen feinen Beitrag in der BR Mediathek zu Hanna Heim und ihrer Geschichte.

Es ist also keine leichte Sommerlektüre oder Dorfroman, wie ich zuerst bei Titel und Cover gedacht habe. Viel mehr geht es vordergründig um das Thema des assistierten Suizids, aber auch um Erinnerungen, Heimat und Familienbande, die multiperspektivisch erzählt werden. Hauptfigur ist dabei die Enkelin Doreen, aber auch ihre inzwischen lesbische Mutter Sandra und ihr Opa Helmut Mantel denken über die große Lebensfrage nach:
Wie gehen wir damit um, wenn geliebte Menschen das Ende ihres Lebens selbst bestimmen möchten?
Die Sprachbilder und der atmosphärische, teils poetische Sprachstil von Hanna Heim haben mich sofort in den Bann der Geschichte gezogen. So erzählt sie direkt im ersten Kapitel aus Opa Helmuts Erinnerungen eines böhmischen Flüchtlings:
“… Helmut und Maria Mantel taten das Ihre dazu und liehen im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten hier draußen auf Fallera den Kaputten die Pferde. Damit sie nicht mehr ganz so kaputt sein mussten. Als irgendwann noch Sandra, das Kind, unerwartet dazwischen kam, war das nur eine von vielen Herausforderungen, die sie gemeinsam stemmten. Und es war praktisch. Denn der Traum durfte weitergehen…”
Außergewöhnliche schöne Sprachbilder und Erzählperspektiven
Die Autorin erzählt auf nur 288 Seiten so zauberhaft das Seelenleben der Familienmitglieder und Doreens Willen, oder sogar Kamp, die Großeltern doch noch unbedingt von den Schönheiten des Lebens zu überzeugen.

Nicht nur diese, sondern noch viele weitere schöne Textstellen habe ich mir markiert. Die einzelnen Kapitel haben immer ein Schlagwort als Kapitelüberschrift und werden dann aus unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten beleuchtet. Gleich zu Beginn erzählt Enkelin Doreen: “Es wird ernst. Wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Die Wahrheit bis hierher ist eine andere: Ja, Menschen werden alt und müssen sterben. Aber nicht meine Oma. Viele Tausend Mal schon hat sie weitergelebt. Diese Frau, so stark, so klug, die ist unsterblich. Denn meine Oma ist eine Heilige. Eine Unerreichbare. Unübertroffen in ihrer Schönheit und Güte. Schon immer. Und immer, wenn ich diesen Satz höre, es wird ernst, ohne dass sein Kern sich in greifbare, eiskalte Realität verwandelt, denke ich: Ich sehe doch, dass das nicht stimmt. Mag sein, dass alle Menschen sterben müssen. Nur halt nicht meine Oma. Und dann wende ich mich wieder ab, gehe zurück in mein Sahnetortenleben. Mein Schichtsahnetortenleben. Denn wozu ist diese ganze Zeit auf dieser schönen Erde da, wenn nicht, um sie nach allen Regeln der Kunst vollzustopfen?”
Hanna Heim erzählt so ruhig, so emphatisch und sehr berührend über ein Thema, das in unsere Gesellschaft viel zu wenig zur Sprache gebracht wird und doch so wichtig ist. Und ihre eigene Geschichte… Ob und wie ihre Großeltern ihren gewünschten Suizid mit oder ohne die Hilfe ihrer Familie durchführen und wie es in Fallera weitergeht? Solltest du unbedingt lesen!
Nicht zuletzt dank dieser tollen Sprache eine absolute Leseempfehlung:
„Was ich nicht tun werde: achselzuckend daneben stehen und warten, bis es vorbei ist. Das kommt nicht infrage. Weil es noch nie infrage gekommen ist. Weil man für die richtigen Dinge kämpfen muss. Weil es sich immer lohnt zu kämpfen. Das habe ich von ihnen gelernt.“
Ich hoffe ich habe dein Interesse geweckt?!
Viele “hofsommerliche” Dienstagsgrüße
Deine Jules
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